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koennen.
Unaufhoerlich rief er sich jene Begebenheit zurueck, welche einen unausloeschlichen
Eindruck auf sein Gemuet gemacht hatte. Er sah die schoene Amazone reitend aus den
Bueschen hervorkommen, sie naeherte sich ihm, stieg ab, ging hin und wider und
bemuehte sich um seinetwillen. Er sah das umhuellende Kleid von ihren Schultern
fallen; ihr Gesicht, ihre Gestalt glaenzend verschwinden. Alle seine Jugendtraeume
knuepften sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle, heldenmuetige Chlorinde
mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm fiel der kranke Koenigssohn wieder ein, an
dessen Lager die schoene, teilnehmende Prinzessin mit stiller Bescheidenheit
herantritt.
"Sollten nicht", sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, "uns in der Jugend, wie im
Schlafe, sie Bilder zukuenftiger Schicksale umschweben und unserm unbefangenen
Auge ahnungsvoll sichtbar werden? Sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird,
nicht schon von der Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht ein Vorgenuss der
Fruechte, die wir einst zu brechen hoffen, moeglich sein?"
Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Szene tausendmal zu wiederholen. Tausendmal
rief er den Klang jener suessen Stimme zurueck, und wie beneidete er Philinen, die
jene huelfreiche Hand gekuesst hatte. Oft kam ihm die Geschichte wie ein Traum vor,
und er wuerde sie fuer ein Maerchen gehalten haben, wenn nicht das Kleid
zurueckgeblieben waere, das ihm die Gewissheit der Erscheinung versicherte.
Mit der groessten Sorgfalt fuer dieses Gewand war das lebhafteste Verlangen
verbunden, sich damit zu bekleiden. Sobald er aufstand, warf er es ueber und
befuerchtete den ganzen Tag, es moechte durch einen Flecken oder auf sonst eine
Weise beschaedigt werden.
IV. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener lebhaften Szene im Wirtshause nicht
gegenwaertig gewesen, denn er lag in einer obern Kammer. ueber seinen Verlust war
er sehr getroestet und half sich mit seinem gewoehnlichen: "Was tut's?" Er erzaehlte
verschiedene laecherliche Zuege von der Gesellschaft, besonders gab er Frau Melina
schuld: sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur deswegen, weil sie nicht das
altdeutsche Vergnuegen haben koenne, eine Mechtilde taufen zu lassen. Was ihren
Mann betreffe, so offenbare sich's nun, dass er viel Geld bei sich gehabt und auch
schon damals des Vorschusses, den er Wilhelmen abgelockt, keineswegs bedurft habe.
Melina wolle nunmehr mit dem naechsten Postwagen abgehn und werde von
Wilhelmen ein Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Direktor Serlo, verlangen,
bei dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert, nun
unterzukommen hoffe.
Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang, gestand sie
endlich, dass ihr rechter Arm verrenkt sei. "Das hast du deiner Verwegenheit zu
danken", sagte Philine und erzaehlte, wie das Kind im Gefechte seinen Hirschfaenger
gezogen und, als es seinen Freund in Gefahr gesehen, wacker auf die Freibeuter
zugehauen habe. Endlich sei es beim Arme ergriffen und auf die Seite geschleudert
worden. Man schalt auf sie, dass sie das uebel nicht eher entdeckt habe, doch merkte
man wohl, dass sie sich vor dem Chirurgus gescheut, der sie bisher immer fuer einen
Knaben gehalten hatte. Man suchte das uebel zu heben, und sie musste den Arm in der
Binde tragen. Hierueber war sie aufs neue empfindlich, weil sie den besten Teil der
Pflege und Wartung ihres Freundes Philinen ueberlassen musste, und die angenehme
Suenderin zeigte sich nur um desto taetiger und aufmerksamer.
Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer sonderbaren Naehe.
Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des Schlafs ganz an die hintere Seite
gerutscht. Philine lag quer ueber den vordern Teil hingestreckt; sie schien auf dem
Bette sitzend und lesend eingeschlafen zu sein. Ein Buch war ihr aus der Hand
gefallen; sie war zurueck und mit dem Kopf nah an seine Brust gesunken, ueber die
sich ihre blonden, aufgeloesten Haare in Wellen ausbreiteten. Die Unordnung des
Schlafs erhoehte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize; eine kindische laechelnde
Ruhe schwebte ueber ihrem Gesichte. Er sah sie eine Zeitlang an und schien sich
selbst ueber das Vergnuegen zu tadeln, womit er sie ansah, und wir wissen nicht, ob er
seinen Zustand segnete oder tadelte, der ihm Ruhe und Maessigung zur Pflicht machte.
Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu regen anfing. Er
schloss die Augen sachte zu, doch konnte er nicht unterlassen zu blinzen und nach ihr
zu sehen, als sie sich wieder zurechtputzte und wegging, nach dem Fruehstueck zu
fragen.
Nach und nach hatten sich nun die saemtlichen Schauspieler bei Wilhelmen gemeldet,
hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld mehr oder weniger unartig und
ungestuem gefordert und immer mit Widerwillen Philinens erhalten. Vergebens stellte
sie ihrem Freunde vor, dass der Jaeger auch diesen Leuten eine ansehnliche Summe [ Pobierz całość w formacie PDF ]

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